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Tu felix Austria?

Spielzeitplanung zwischen Bangen und Zuversicht

Die meisten Theatermenschen in Österreich erwischte der Schock am 10. März um 11 Uhr während der Vormittagsprobe, denn an diesem Tag gab der Bundeskanzler bekannt, dass alle österreichischen Theater bis auf weiteres geschlossen sind. Es folgten die Gespräche, die wir alle ähnlich erlebt haben, quasi ferngesteuert haben wir funktioniert, um die Sparten sukzessive auf Null zu fahren. Die ersten zwei Wochen waren davon geprägt, dass wir alle nicht wahrhaben wollten, was gerade passiert. Ab dann bekam das Homeoffice effizient zu werden und die österreichische Intendant*innengruppe tagte seitdem alle zehn Tage virtuell, um sich auszutauschen und abzustimmen.

Anfang Mai passierte jenseits der für uns alle nie dagewesenen Pandemie Situation etwas, was seit Jahren in Österreich nicht mehr geschehen ist. Es wurde heftig über Maßnahmen der Kulturpolitik gestritten. Die grüne Staatssekretärin Ulrike Lunacek vermochte es nicht, in das Netzwerk der Kulturinstitutionen so hinein zu kommunizieren, das Vertrauen entstanden wäre. Gleichzeitig öffneten Flughäfen und Biergärten, allein die Kultur hatte keine Perspektive. Dies führte dann zu einer medialen Debatte, die in dieser Heftigkeit überraschte, bis die Staatssekretärin ihr Amt niederlegte.

Ihre Agenden übernahm Andrea Meyer, die bis dahin Protokollchefin des Bundespräsidenten war und durch ihre langjährige Tätigkeit als Sektionschefin im für Kunst, unter anderem auch als Mitglied im Kuratorium der Salzburger Festspiele, einen Vertrauensbonus erhielt. Die meisten Theater in den Bundesländern hatten ihre Spielzeiten abgesagt, umso mehr überraschte dann die Ankündigung einer Verordnung, die schon ab 28. Mai die Öffnung der Theater unter bestimmten Bedingungen erlaubte.

Tatsächlich war um den Text der Verordnung hinter den Kulissen lange gerungen worden. Neben den Spezialisten des Gesundheitsministeriums und einem Vorschlagspapier der österreichischen Theatererhalterverbandes hatte der Salzburger Landeshauptmann Wilfried Haslauer die Initiative ergriffen und gemeinsam mit den Salzburger Festspielen, aber auch den anderen Kulturschaffenden des Landes Salzburg ein Ideenpapier erarbeitet, dessen wesentliche Eckpunkte Eingang in die jetzt geltende Verordnung fanden. Manche sagten, es würde sich um eine „lex salzburgensis“ handeln, tatsächlich war von Anfang an klar, dass diese Regelungen für alle Kulturschaffenden gelten sollten.

Die wesentlichen Parameter waren eine schrittweise Öffnung für Veranstaltungen von anfangs 200 im Juni bis 1200 Zuschauer*innen ab August 2020. Während des Einlasses muss Mund-Nasen-Schutz getragen werden, auf den Plätzen und während der Vorstellung nicht. Außerdem ist eine Ein-Meter-Abstandsregel für Personen, die nicht im gleichen Haushalt leben, in der Verordnung vorgesehen. Über diesen Punkt wurde lange gerätselt, war doch nicht klar, ob der Ein-Meter-Abstand aus der Achse bzw Körpermitte gemessen wird oder von Schulter zu Schulter.

Ein sehr konstruktives Gespräch der Staatssekretärin mit der österreichischen Intendant*innengruppe brachte Klarheit für uns. Tatsächlich muss ein Meter Abstand seitlich gegeben sein, der aus der Achse heraus gemessen wird, zwischen den Reihen nach vorne und hinten kann dieser Abstand unterschritten werden.

Gleichzeitig erfuhren wir, dass es keine Neuregelung für September zu erwarten gebe und so wurde fieberhaft daran gearbeitet, jetzt die für die neue Spielzeit geltenden Sitzpläne zu etablieren. So können die meisten Theater der österreichischen Bundesländer davon ausgehen, dass zwischen 50 und 70% der gegebenen Plätze besetzt werden können. Das ist deutlich mehr, als wir nach Ostern zu hoffen wagten.

Für das Personal auf und hinter der Bühne wurde ein Ampelsystem  entwickelt  und eine Dreiteilung in Risikogruppen vorgenommen. Die rote Gruppe besteht aus all jenen Mitarbeitenden, die durch die Ausübung ihrer Tätigkeit nicht umhin kommen, den Abstand von einem Meter während Proben und Vorstellungen zu unterschreiten. Dies umfasst das gesamte künstlerische Personal. In der gelben Gruppe sind all jene Mitarbeitende zusammengefasst, die in Kontakt mit den Mitgliedern der roten Gruppe kommen, die Abstandsregel aber einhalten können. In der grünen Gruppe sind all jene Mitarbeitende, die in ihrer täglichen Arbeit alle Abstandsregeln einhalten können.

Alle Mitglieder der roten Gruppe werden zum Anfang der Spielzeit getestet, über die Frequenz der weiteren Testungen entscheidet jeweils die Betriebsärztin. Gleichzeitig führen jene Mitarbeitende ein Gesundheitsprotokoll mit täglicher Fiebermessung. Die Salzburger Festspiele schreiben ihren Mitarbeiter*innen außerdem vor, ein exaktes Kontakttagebuch zu schreiben. Dies ist sicher sinnvoll für einen überschaubaren Zeitraum von vier Wochen. Für eine ganze Spielzeit bedeutet dies doch eine datenschutzrechtliche Herausforderung. Eine einheitliche Linie für die Bundesländertheater ist dazu noch nicht vereinbart worden.

Mitglieder der gelben Gruppe werden dann getestet, wenn die Art ihrer Tätigkeit es erfordert, dass sie den künstlerisch Mitwirkenden sehr nahe kommen, wenn also z.B. ein Techniker eine Darstellerin in ein Flugwerk hängen muss oder eine Garderobiere einen Quick-change auf der Seitenbühne durchführt. Ansonsten werden die Mitglieder der gelben Gruppe dazu verpflichtet, Mund-Nasen-Schutz in den stark frequentierten Bühnen Bereichen zu tragen.

Das mag alles kompliziert klingen, ermöglicht uns aber eine Aufnahme des Spielbetriebs auf der Bühne. In den intimeren Spielstätten haben die meisten Theater den Spielbetrieb schon im Juni aufgenommen, und die Präventionskonzepte haben sich bewährt, das Publikum buchte die vorhandenen Tickets und war durchweg positiv gestimmt.

All das ist der Stand vom 15. Juli, wir freuen uns darauf, dass nach heutigem Stand die neue Spielzeit mit mehr Schwung starten kann, als wir noch vor ein paar Wochen dachten. Gleichzeitig bleiben wir wachsam und die an allen Theatern gebildeten Steuerungsgruppen werden ebenso wie die österreichische Intendant*innengruppe noch bis auf weiteres öfter zu diesen Themen tagen. Die gegenseitige Kommunikation hat die Pandemie jedenfalls gefördert.

Die Salzburger Festspiele beginnen in diesem Jahr im August und arbeiten mit einem sehr durchdachten Präventionskonzept. Dessen Erfolg wird auch für uns alle ein Maßstab sein.

Eine verblüffende Neugründung eines Theaters war in Wien zu verzeichnen: Michael Niavarani und Georg Hoanzl schafften es, auf private Initiative das „Theater im Park“ am Oberen Belvedere zu gründen. Mitten in der Stadt, im abgeschiedenen Garten der Schwarzenberg Stiftung entstand ein romantisches Sommertheater mit Abstand und Anspruch. Mit dabei waren auch einige Grössen des Wiener Theaterlebens, in deren festen Theatern noch nicht gespielt wurde. Und weil es so schön in diesem Garten war, können wir davon ausgehen, dass das „Theater im Park“ die Pandemie überdauern könnte.

Carl Philip von Maldeghem