„Theater soll im Hier und Jetzt zu Hause sein“

Carl Philip von Maldeghem

Theater ist einer der einzigen Erfahrungsräume, in denen sich Menschen ganz unmittelbar begegnen und gemeinsam etwas erleben. Jede Stückanordnung ist immer auch ein gesellschaftliches Experiment, das im geschützten Raum gespielt wird. Das ist es, was Theaterarbeit im Idealfall ausmacht: Dass es gelingt, Menschen miteinander zu verbinden und verschiedene Lebensmodelle durchzuspielen. Mich macht es glücklich, wenn Menschen gemeinsam eine künstlerische Vision auf die Bühne bringen und mit dem Publikum teilen. Warum Theater mir so wichtig ist und wie ich zum Theater gekommen bin, erfahren Sie hier.

Was macht idealtypische Theaterarbeit aus?

Das Theater ist ein Ort der Möglichkeiten. Wir haben heutzutage eine nie dagewesene Freiheit in der Wahl der Themen und der inszenatorischen Mittel, nachdem die Generationen vor uns alle Tabus gebrochen haben. Umso wichtiger ist es, dass wir diese Möglichkeiten klug nutzen. Wir müssen für anspruchsvolle Ästhetik und Plots ohne Kompromisse sorgen und auf eine heutige Lesbarkeit achten.

Meines Erachtens müssen wir es schaffen, dass jede*r Besucher*in aus jeder Altersgruppe und mit jeder Vorbildung ins Geschehen hereingezogen werden kann. Egal was es für ein Theaterabend ist, muss nach zwanzig Minuten der Moment gekommen sein, in dem der Zuschauer entdeckt: „Das hat was mit meinem Leben und mir zu tun.“

Musiktheater, Schauspiel und Tanz bieten unendliche Ausdrucksmöglichkeiten. Mir macht es große Freude, mit unseren Ensembles und dem ganzen Theaterteam auf der ganzen Klaviatur der künstlerischen Möglichkeiten spielen zu können.

Welche Rolle spielt das Theater im digitalen Zeitalter?

Natürlich können wir unsere Abende auch zu Hause verbringen und uns auf Netflix etwas anschauen. Netflix erzählt gute Geschichten. Aber im Theater können wir Geschichten gemeinsam erleben. Wie wichtig das ist, haben wir in der Corona-Krise gespürt. Uns hat dazu eine sehr schöne Zuschrift einer Krankenschwester erreicht, die ja nach heutiger Begrifflichkeit wesentlich systemrelevanter ist als wir. Sie hat geschrieben: „Ich kann meinen Beruf nicht ohne Euch machen. Musik, Schauspiel und Tanz geben mir die Kraft, meinen Alltag zu meistern.“

Das ist doch ein wunderschöner Beweis dafür, dass es gelingt ist, die Menschen im Theater zu verbinden. Wir spüren eine große Sehnsucht danach, uns in einem Raum zu begegnen und dort Lebensmodelle durchzuspielen. Das Theater wird so zu einem Ort der Möglichkeiten, die die Zuschauer*innen auf ihr Leben übertragen oder sich dagegen entscheiden können.

Welche Chancen des Theaters gibt es, ein junges Publikum zu erreichen?

Junge Menschen begeistert man entweder ganz oder gar nicht. Wenn Schüler*innen zu uns kommen, ist es wichtig, dass wir mit den Stücken, die wir auf der Bühne zeigen, die Lebenswelt der Jugendlichen treffen. Das ist der Anspruch unserer Sparte „Junges Land“. Und es ist schön, dass es uns inzwischen seit über zehn Jahren mit unserer „Faust“ Inszenierung gelingt, ein junges Publikum erfolgreich anzusprechen. Das hat insbesondere mit den Themen und Versuchungen zu tun, die die Jugendlichen erkennen: Alkohol, Party, Sex, Lebenssinn und -krise und ewige Jugend.

  • Seit 2009
    Intendant des Salzburger Landestheaters

    PROFILSCHÄRFUNG IN OPER UND SCHAUSPIEL, GRÜNDUNG DER SPARTE JUNGES LAND UND DER BÜRGERBÜHNE, KONSEQUENTE ENTWICKLUNG UND KÜNSTLERISCHE PRODUKTIVITÄTSSTEIGERUNG IN ALLEN VIER SPARTEN, BESUCHERSTEIGERUNG UM 65%, BAU EINES NEUEN UND ZENTRALEN PROBENZENTRUMS (2015-2017)
  • 2002 – 2009
    Intendant der Schauspielbühnen in Stuttgart
    Strategische Entwicklung der Dachmarke, künstlerische Profilierung der beiden Theater, Reichweitensteigerung bis in die die Top drei besucherstärksten deutschen Sprechtheater
  • Gastinszenierungen im Musiktheater und Schauspiel
    OPER DORTMUND, TIROLER LANDESTHEATER, GRENZLANDTHEATER AACHEN, LUISENBURG FESTSPIELE U.A.
  • 2001 – 2006
    Gastinszenierungen mit Claudio Abbado
    TEATRO COMUNALE FERRARA, FERRARA MUSICA, TEATRO REGIO DI PARMA, FESTIVAL VERDI, TEATRO BOLZANO MIT DEM GUSTAV MAHLER JUGENDORCHESTER UND IN DER BERLINER PHILHARMONIE MIT DEM BERLINER PHILHARMONISCHEN ORCHESTER BERLIN UND BRUNO GANZ
  • 1997 – 2002
    Persönlicher Referent des Intendanten Pavel Fieber und Hausregisseur am Badischen Staatstheater
    INSZENIERUNGEN IN OPER UND SCHAUSPIEL, NEUKONZEPTION UND LEITUNG DER SPIELSTÄTTE „INSEL“, ORGANISATION EUROPÄISCHE KULTURTAGE
  • 1997 – 2002
    Produktionsleiter und Regieassistent bei Peter Stein
    bei den Osterfestspielen, Salzburger Festspielen, Maggio Musicale Fiorentino und der Wiener Staatsoper
  • 1995 – 1997
    Pressesprecher und persönlicher Referent des Intendanten der Salzburger Festspiele Gerard Mortier
  • 1993 – 1995
    Schauspiel-und Regiestudium
    am LSTI in New York City und am American Repertory Theater, Center for Advanced Theater Training at Harvard University
  • 1989 – 1993
    Studium der Rechtswissenschaft an der Universität Passau
    Prädikatsexamen, Promotion zum Dr. iur.
  • 1989
    Abitur am Gymnasium St. Stephan in Augsburg
  • 1969
    geboren in Prien am Chiemsee

  • Ausführliche Biographie unter diesem Link

Soll das Theater auf die Menschen zugehen?

Ich möchte nicht für ein Theater stehen, dass sich nur an ein elitäres Publikum wendet. Damit unsere Kunst nicht im Elfenbeinturm stattfindet, gehen wir immer wieder raus aus dem Theatergebäude. Uns begegnen dort Menschen, die nicht zu uns gekommen wären. In Salzburg lässt sich an jeder Ecke Theater spielen. Die Festspiele ins Salzburg sind entstanden, weil die Gründer um Max Reinhardt die Stadt als eine Bühne erkannt haben. Diese Tradition ist mir auch heute sehr wichtig.

So haben wir beispielsweise auf einer Station im Landeskrankenhaus ein Stück über absurde Entwicklungen des Gesundheitssystems gespielt. Die Inszenierung wurde nach Kafka entwickelt, machte aber auch sofort klar, in was für Ängsten man sich heute im Gesundheitssystem wiederfinden kann. Die authentische Location hat die Erfahrung des Stückes viel dichter gemacht, als es auf einer Theaterbühne möglich gewesen wäre.

Was war bisher meine liebste künstlerische Arbeit?

Wenn ich eine Arbeit herausgreifen soll, dann ist es vielleicht unser Projekt „Dionysien“, das wir im Festspielhaus in der Felsenreitschule verwirklicht haben. Nach dem Vorbild der Festspiele im antiken Griechenland zu Ehren des Gottes „Dionysos“ haben Schauspiel, Oper und Ballett gemeinsam einen Theatermarathon auf die Bühne gebracht. Es gab in der Pause ein griechisches Buffet für die Zuschauer*innen und gipfelte in einer Party. Das Publikum konnte nach dem Applaus in die Nacht hinein tanzen. Das Ganze hat sich über 4,5 Stunden erstreckt und wirkte sehr inspirierend und verbindend.

Menschen, die mich geprägt haben

  • Das war an erster Stelle Gerard Mortier, der die Salzburger Festspiele auf sehr aufregende Art und Weise erneuert hat. Ich hatte das Glück, als sein Pressesprecher und persönlicher Referent mit ihm zu arbeiten. Mit ihm die Entwicklung zu gestalten, in der er als Intendant die Stadt und das Publikum herausgefordert und gleichzeitig beglückt hat, war faszinierend. Von ihm habe ich alles über die Führung eines so großen Kunstbetriebes gelernt.

    Gerard Mortier
  • Von Peter Stein habe ich das Handwerk eines Regisseurs als Geschichtenerzähler gelernt – als ich sein Assistent war und er Grillparzers „Libussa“ und „Simone Boccanegra“ in Salzburg inszenierte. Ich habe ihn für weitere Produktionen zum Maggio Musicale nach Florenz und an die Staatsoper in Wien begleitet.

    Peter Stein
  • Ein Höhepunkt war die Arbeit mit Claudio Abbado beim Festival Ferrara Musica. Dort durfte ich die erste Inszenierung einer Verdi Oper, die er nach seiner Zeit an der Scala in Italien dirigierte als Regisseur erarbeiten (einschließlich Live Übertragung auf RAI uno). Hinzu kam ein szenisches Projekt mit den Berliner Philharmonikern, das wir mit Bruno Ganz erarbeitet haben.

    Claudio Abbado
  • Wichtig war für mich auch die Station am Staatstheater Karlsruhe bei Pavel Fieber. Er war ein richtiger Allroundintendant. Als Schauspieler, Regisseur und künstlerischer Leiter hat er dieses Theater durch seine Expertise in allen drei Feldern geleitet und wurde für mich zum Vorbild. Es gibt ja reine Manager-Intendanten, und es gibt reine Künstler-Intendanten, er hat Beides vereint. Für mich hat es sich bewährt, ein Theater zu führen, indem ich mich nicht nur um den Kurs kümmere, sondern regelmäßig mit dem Ensemble und den Abteilungen kreativ arbeite. Gleichzeitig halte ich mich nicht für den wichtigsten Regisseur am Haus.

    Pavel Fieber
  • Heute ist es mir wichtig, dass es an dem Theater, das ich mit meinem Team führen darf, die Möglichkeit gibt, dass eine neue Generation ihre Theaterwerke und -werte entwickeln kann. So leiten Julia Mayr und Astrid Grossgasteiger, die bei uns angefangen haben, heute eigene Sparten an anderen Häusern. Und ich freue mich, dass junge Regisseur*innen wie Christina Piegger und Sarah Henker bemerkenswerte künstlerische Handschriften entwickeln.

    Julia Mayr, Astrid Grossgasteiger, Christina Piegger, Sarah Henker

Mein ungerader Weg zum Theater

Mein Leben dem Theater zu widmen, war keine ganz frühe Entscheidung. Ich habe nicht, wie Sie es vielleicht von einem Intendanten erwarten würden, Theaterwissenschaften studiert, sondern Rechtswissenschaften.

Dennoch habe ich mein Studium nicht nur zwischen Gesetzestexten verbracht. Ich gründete damals sowohl eine Schauspieltheatertruppe, als auch eine Musiktheaterkompanie, mit denen wir regelmäßig im Passauer Opernhaus und an anderen Orten aufgetreten sind.

Interessanterweise stellte ich fest, dass meine Noten besser sind, wenn ich Theater mache. Der Theaterbetrieb war offenbar etwas, das eine Konzentration in mein Leben bringt. Die Leidenschaft fürs Theater hat mich seitdem nicht mehr losgelassen.

Eintritt in die Theaterwelt

Es gab Vorteile und Nachteile durch meinen späten Eintritt in die Theaterwelt. Für meine Position als Intendant ist das juristische Studium heute jeden Tag ein Geschenk, weil so viele Verträge über meinen Schreibtisch gehen.

Mit dem juristischen Abschluss in der Tasche ging ich nach New York, um Schauspiel und Regie zu lernen und habe in konzentrierter Zeit sehr viel in mich aufgesogen.

Teil meiner Ausbildung in den USA war eine Station am American Repertory Theater, das zur Harvard University gehört. Dort wird einerseits mit einem sehr hohen künstlerischen Anspruch, andererseits mit einem Bewusstsein für das Mindset des Publikums gearbeitet. Das hat meine Theaterauffassung sehr geprägt.

Ausführliche Biographie unter diesem Link

Pressestimmen

„Fußball, Bollywood und viel Musik: Diese Kombination sorgt im Salzburger Landestheater für gute Laune. Das Musical „Kick it like Beckham“ wurde (…) vom Publikum groß gefeiert.
Die schwungvolle Inszenierung von Landestheaterintendant Carl Philip von Maldeghem bringt ernste Themen mit viel Humor und Leichtigkeit auf die Bühne.“

ORF, 2019

„Von Maldeghem inszeniert ein dichtes Porträt des Prometheus. Von Christoph Wieschke (…) in der Titelpartie wird einiges abverlangt, wenn er in schwindelnder Höhe an steiler Wand angekettet seine moralische Überzeugung verteidigt: eine schauspielerische Glanzleistung. “

Passauer Neue Presse, 2017

„Goethes „Faust“ ist ein Hit. Ein Stück voll Bos- und Weisheit, jeder Satz ein Hieb gegen Gott und die Welt. Der „Faust“ am Landestheater ist ein Musterbeispiel für den Umgang mit dem „Klassiker“: Kurzweilig, ja beschwingt, im Tempo. „Modern“ im Ambiente mit Labor und Laptop. Dabei ganz werkgetreu am Text, mit ein paar launigen Frechheiten von Heute.“

Drehpunkt Kultur, 2013

Bildnachweise: „Ilias“, Anastasia Bertinshaw, Yevgeni Kapitula // Carl Philip von Maldeghem bei Konzeptionsprobe // „Der Prozess“, George Humphreys